FördePerspektivenArchitekturblog über Kiel und die Kieler Förde

StartseiteInnenstadt

Holstenstraße Kiel: Wie eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands neu gedacht wird

Die Holstenstraße in Kiel ist eine der ersten Fußgängerzonen Deutschlands: Am 12. Dezember 1953 wurde ihr oberer Teil für den Autoverkehr gesperrt, 1957 folgte der untere. Knapp siebzig Jahre später suchte die Stadt in einem Wettbewerb eine neue Gestalt für die Straße. Den ersten Preis erhielt das Büro Lohaus Carl Köhlmos aus Hannover, das Ergebnis wurde 2021 bekannt.

Fußgängerzone mit Nachkriegsbauten
Symbolbild: Fußgängerzone mit Nachkriegsbauten

Ein alter Landweg ins Holsteinische

Die Holstenstraße ist eine der ältesten Straßen Kiels und trägt ihren Namen seit 1525. Ursprünglich war sie der Landweg ins mittlere Holstein. Sie beginnt am Alten Markt, dem Zentrum der auf einer Halbinsel angelegten Altstadt, und bildete zusammen mit der Dänischen Straße die alte Nord-Süd-Verbindung der Stadt.

Mit den Chausseen der 1840er Jahre und dem schnellen Wachstum Kiels nach 1867 nahm der Verkehr zu. In der Kaiserzeit ersetzten Neubauten die meisten historischen Giebelhäuser. 1907 wurde die Straße durch den Abbruch des Schweffelhauses nach Süden verlängert, bis dahin musste der Verkehr durch die enge Klinke. Stadtbaurat Herbert Jensen klagte 1941, die Holstenstraße sei mit nur 13 Metern Breite zu eng für Autos, Straßenbahn und Fußgänger.

Die Sperrung von 1953 und der Streit mit den Händlern

Die Fußgängerzone entstand im Wiederaufbau und gegen den Widerstand des Einzelhandels. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bebauung der Holstenstraße bis auf wenige Ausnahmen zerstört, die Stadt nach Angaben der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG) zu 80 Prozent. Jensen warb für eine verkehrsfreie Einkaufsstraße, und die Industrie- und Handelskammer unterstützte ihn. Sie fürchtete, dass Einkaufszentren vor der Stadt, wie sie sich in den USA abzeichneten, dem Zentrum die Kaufkraft abziehen könnten.

Möglich wurde die Sperrung, weil parallel eine neue, großzügige Straße durch die Stadt gelegt wurde: die heutige Andreas-Gayk-Straße, benannt nach dem ersten Kieler Oberbürgermeister der Nachkriegszeit. Bauwelt weist darauf hin, dass Fußgängerzone und Straßendurchbruch beide in Planungen der Zwischenkriegszeit wurzeln. Jensen war von 1935 bis 1961 im Amt und garantierte die Kontinuität. Er formulierte, es könne nicht allein das Ziel sein, „dem Kraftwagenbenutzer das Leben (zu) erleichtern, sondern besonders auch dem Fußgänger gerecht zu werden“.

Ab 1950 nahm die Stadt die Straßenbahn aus dem oberen Teil der Straße. Nach der Sperrung Ende 1953 warben die Kaufleute im unteren Teil damit, weiter mit Tram und Auto erreichbar zu sein. Doch nach einem Vierteljahr lagen die Umsätze in der Fußgängerzone laut GSHG um 30 bis 50 Prozent höher, und nun verlangten die Händler weiter südlich dasselbe für ihr Stück. Der untere Teil folgte erst 1957, weil sich der Verkehr schwer umleiten ließ. Die Fußgängerzone wuchs damit von einem halben auf über einen Kilometer, die Straße war nun auch im Süden „fußläufig“, wie es im damaligen Amtsdeutsch hieß.

Die erste oder eine der ersten?

Ob Kiel die erste Fußgängerzone Deutschlands hatte, hängt davon ab, was man zählt. Kassel eröffnete seine Treppenstraße schon am 9. November 1953, gut einen Monat vor Kiel. Sie wurde mitten durch einen Trümmerberg neu angelegt und überwindet mit 104 Stufen 15 Meter Höhenunterschied zwischen Hauptbahnhof und Zentrum. Für Kiel spricht, dass hier eine bestehende historische Hauptstraße ebenerdig den Fußgängern übergeben wurde. Die Wikipedia nennt die Holstenstraße die erste für den Individualverkehr gesperrte Straße in Deutschland, die Treppenstraße die erste Neuplanung einer Fußgängerzone.

Bauwelt formuliert vorsichtiger und nennt die Holstenstraße „eine der ältesten Fußgängerzonen Deutschlands“, in einer Reihe mit der Kasseler Treppenstraße und der Stuttgarter Schulstraße. Kassel wurde als Durchbruch mit Treppen und Podesten völlig neu angelegt, Stuttgart auf zwei Ebenen anstelle einer historischen Gasse. In Kiel dagegen entstand „eine recht pragmatische Vertreterin des neuen Stadtraumtypus“. Bis etwa 1980 erreichte die Entwicklung sämtliche Großstädte und viele Kleinstädte, in der Bundesrepublik wie in der DDR. Wir bleiben deshalb bei der Formulierung „eine der ersten“.

Eine Straße ohne Schmuck

Gestalterisch war die Holstenstraße von Anfang an zurückhaltend. Laut Bauwelt gab es keine Pflanzschalen oder Hochbeete, keine Kunst im öffentlichen Raum, keine Wasserspiele und keine besonderen Laternen. Die einzige Neuerung war ein einheitlicher Belag aus kleinen quadratischen Platten über den gesamten früheren Straßenraum. Einzelne hellere Platten in Reihen erinnerten an die Fluchtlinien der alten Bordsteinkanten.

Ins Landschaftliche öffnete sich die Straße an zwei Stellen, am Holstenplatz im Süden und an der Holstenbrücke in der Mitte. Der Holstenplatz entstand nach dem Krieg aus dem südlichen Straßenteil samt der zerstörten Klinke und grenzt im Osten an die Andreas-Gayk-Straße. Die Holstenbrücke am Kleinen Kiel und am Bootshafen markiert bis heute die Schwelle zwischen Altstadt und Vorstadt. Danach wuchs das autofreie Netz: 1972, zu den Olympischen Spielen, wurden der Rathausplatz autofrei und der Alte Markt neu gestaltet, 1973 folgten Dänische Straße und Schlossstraße. 1988 wurde der untere Teil der Holstenstraße in den überdachten Sophienhof weitergeführt.

Was wir 2009 und 2010 zur Holstenstraße geschrieben haben

In der Kieler Innenstadtdebatte jener Jahre war die Holstenstraße kein eigenes Projekt, aber immer mitbetroffen. Bei der Planungswerkstatt Anfang 2009 erteilten Bürger und Planer einem weiteren Einzelhandelsschwerpunkt auf Höhe der Holstenstraße eine klare Absage, zugunsten der bestehenden Geschäftsflächen. Als danach zunächst wenig geschah, schrieben wir vom Stillstand bei der Innenstadtentwicklung.

Im Januar 2010 kam Bewegung in die Debatte, als die Karstadt-Immobilie am Alten Markt verkauft wurde. Ein neues Einzelhandelsgutachten kam kurz darauf zu dem Zwischenfazit, im Innenstadtbereich sei „eigentlich alles da“, und die Stadt lud zu Abenden ein, an denen Bürger beim Einzelhandelskonzept mitreden konnten. In unserer Idealvorstellung für die Kieler Innenstadt vom März 2010 stand als Ziel die „Ausbildung der Holstenstraße zur Flaniermeile mit Wohnen und Gastronomie (evtl. mit Wasser)“.

Elf Jahre später fiel das Urteil der Fachpresse hart aus. Bauwelt beschrieb die Holstenstraße 2021 als heruntergekommen, mit unterklassigem Warenangebot und lieblos gestalteten Läden; die Fassaden der 1950er Jahre seien durch unzählige Modernisierungswellen unkenntlich gemacht. Die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte beobachtet, dass sich das wirtschaftliche Gewicht vom Alten Markt immer mehr zum Sophienhof verlagert.

Der Wettbewerb: Kiel-Bezug im Bodenbelag

Die Landeshauptstadt Kiel lobte einen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb für die Holstenstraße aus, den Vorsitz im Preisgericht hatte Kees Christiaanse. Gefordert war laut Bauwelt eine eigenständige Gestaltung mit „Kiel-typischer Handschrift“. Sie sollte das Gegenüber von Altstadtinsel und Vorstadt erlebbar machen, ebenso den Holstenplatz und den angrenzenden Heinrich-Ehmsen-Platz samt der Bushaltestelle dazwischen, den Asmus-Bremer-Platz und die Öffnung zum Bootshafen mit dem plötzlichen Blick auf die Kreuzfahrtschiffe. Dazu kamen die Übergänge zum Alten Markt mit seinen inzwischen denkmalgeschützten Pavillons aus den 1970er Jahren und in Richtung Rathaus.

Den ersten Preis erhielten Lohaus Carl Köhlmos aus Hannover. Der zweite ging an WES LandschaftsArchitektur aus Berlin, laut Bauwelt mit H. H. Krafft, laut SMAQ gemeinsam mit dem Büro SMAQ. Dritte wurden capatti staubach aus Berlin. Laut SMAQ umfasste der zweitplatzierte Beitrag auch den Umbau der Andreas-Gayk-Straße von einer „Verkehrsachse der autogerechten Stadt“ zu einer „Umwelttrasse“.

Der Siegerentwurf arbeitet vor allem mit dem Boden. Altstadt und Vorstadt folgen denselben formalen Prinzipien, nur das Material wechselt: gräulicher Klinker in der Vorstadt, farblich ähnlicher, gestockter Naturstein in der Altstadt. Die Farbe soll an Schiffsplanken erinnern. Ein Streifen aus großformatigen Platten vor den Häusern markiert die Zone für Auslagen und zitiert das Leibholz, das ein Schiffsdeck am Rumpf begrenzt. Zwischen Holstenplatz und Holstenfleet sollen Baumreihen in Holstenstraße und Andreas-Gayk-Straße die Länge der Innenstadt betonen.

Im Entwurf behält der Holstenplatz seine Platanen und bekommt runde Sitzbänke sowie ein neues Wasserspiel, das die Ostsee und ihre Schiffsverbindungen symbolisiert. Verschwinden sollen das kleine Brunnenbecken und die niedrige Natursteinmauer vor dem Astor-Hochhaus, ein Rest der Platzgestaltung aus den Fünfzigern. Bauwelt hofft, dass die kleine Statue am Bassin irgendwo auf dem Holstenplatz einen neuen Ort findet, weil Kiels heutige Gestalt ganz wesentlich in den 1950er Jahren geprägt wurde. Das Ende 2020 fertiggestellte Holstenfleet mit seinem quergestreiften Bodenbelag behandeln die Preisträger als „Inlay“, für die Fußgängerzone haben sie eine davon unabhängige Gestaltung entwickelt.

Seit 2026 wird gebaut

Inzwischen ist aus dem Wettbewerb eine Baustelle geworden. Kiel-Marketing kündigte am 5. August 2026 an, dass die laufende Umgestaltung der Holstenstraße eine Baustelle in Kiels Fußgängerzone mit sich bringt: Vom 10. bis 27. August 2026 informierte eine „Baustellen-Lounge“ im Projektraum 13 in der oberen Holstenstraße zusammen mit dem Stadtplanungs- und dem Tiefbauamt über die Arbeiten. Welche Abschnitte bis wann fertig werden, nennt die Mitteilung nicht.

Bauwelt schrieb 2021 im Konjunktiv: Die Hauptgeschäftsstraße könne sich „in ein paar Jahren“ in den Aufschwung der Stadt einreihen, wenn der Entwurf umgesetzt sei. Einen solchen Aufschwung habe Kiel seit Olympia 1972 nicht erlebt, er dauere seit etwa zehn Jahren an. SMAQ schrieb im selben Jahr, die zentralen öffentlichen Freiräume der Innenstadt sollten „in den nächsten Jahren“ umgestaltet werden.

Quellen