FördePerspektivenArchitekturblog über Kiel und die Kieler Förde

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Holstenfleet in Kiel: Vom Werkstattverfahren zum Wasserplatz an der Holstenbrücke

Das Holstenfleet ist das 170 Meter lange Wasserband an der Holstenbrücke, das seit 2020 zwischen Kleinem Kiel und Bootshafen liegt. Wo vorher ein Knotenpunkt für Busse und Durchgangsverkehr die Schwelle zwischen Altstadt und Vorstadt besetzte, zeichnen heute zwei Becken den alten Wasserlauf nach. Die Idee dazu kam aus der Bürgerbeteiligung zur Innenstadt, die wir hier ab Ende 2008 begleitet haben.

Wasserbecken mit Steg in einer Innenstadt
Symbolbild: Wasserbecken mit Steg in einer Innenstadt

Was das Holstenfleet ist

Das Holstenfleet ist eine Folge von zwei Wasserbecken an der Straße Holstenbrücke, geplant vom Berliner Büro bgmr Landschaftsarchitekten im Auftrag der Landeshauptstadt Kiel und 2020 fertiggestellt. Zum Bootshafen hin liegt ein rechteckiges Becken, unmittelbar daran schließt ein längliches an. Zusammen sind sie 170 Meter lang und 9,5 Meter breit.

„Fleet“ bezeichnet im Norddeutschen eine Wasserverbindung. In der Wikipedia läuft das Projekt auch unter dem Namen Kleiner Kiel-Kanal, und dort ist vermerkt, dass 2020 Wasser aus dem Kleinen Kiel in den neu eröffneten Kanal eingeleitet wurde. Ein Wasserweg ist das Fleet trotzdem nicht. Laut Baunetz Wissen ist die Anlage nicht für den Bootsverkehr vorgesehen, sie dient ausschließlich der Erholung und dem Aufenthalt.

Warum an der Holstenbrücke einmal Wasser floss

Bis 1846 bildeten der Kleine Kiel und der heutige Bootshafen einen durchgehenden Seitenarm der Förde, und die damalige Stadt, die heutige Altstadt, lag auf einer Halbinsel. Der Name erzählt dieselbe Geschichte: „Kiel“ kommt vom niederdeutschen Wort für Keil. Nach der Wikipedia meint der Name höchstwahrscheinlich die Förde als großen Keil ins Land, der Kleine Kiel war der kleinere Keil südwestlich der Altstadt.

Danach wurde das Wasser Stück für Stück verdrängt. 1846 wurde die Verbindung zwischen Bootshafen und Förde verschmälert und mit einer Brücke versehen. Danach verschwand der Wasserlauf zwischen Kleinem Kiel und Bootshafen unter der Straße: Nach der Wikipedia wurde 1904 die Holstenbrücke abgerissen und die Verbindung bis auf ein 230 Meter langes Rohr zugeschüttet, Baunetz Wissen nennt 1905 als letztes Jahr mit direktem Zugang zum Wasser. 1982 folgte der Schwedenkai für die Fähren nach Göteborg. Für seinen Bau wurden die Wasserflächen zwischen Bootshafen und Förde zugeschüttet, bis auf ein 150 Meter langes Verbindungsrohr.

Der Bootshafen selbst blieb erhalten. 2002 wurde er neu gestaltet, mit treppenartigen Terrassen bis hinunter ans Wasser. Pläne, ihn ebenfalls zuzuschütten, waren damit erledigt.

Die Idee aus der Planungswerkstatt 2009

Die Wasserfläche an der Holstenbrücke ist ein Ergebnis der Kieler Bürgerbeteiligung zur Innenstadt. Baunetz Wissen schreibt, die Wünsche aus dem Werkstattverfahren seien im Rahmenkonzept „Perspektiven für die Kieler Innenstadt“ festgeschrieben worden. Eines der Ergebnisse sei der Rückbau des Verkehrsknotens gewesen, an dessen Stelle heute das Holstenfleet liegt.

Das Verfahren hatte Bürgermeister Peter Todeskino im Zuge der Debatte um das Altstadtquartier angekündigt. Es begann mit drei öffentlichen Expertenabenden im Neuen Rathaus, deren Termine und Themen wir im November 2008 vorgestellt haben. Zum zweiten öffentlichen Hearing, bei dem es um Städtebau und Freiraumgestaltung ging, kamen rund 80 Kielerinnen und Kieler. Es war eine Zeit, in der in Kiel, wie wir im Dezember 2008 notierten, viele städtebauliche Projekte heiß diskutiert wurden.

Den Abschluss bildete die Planungswerkstatt am 31. Januar und 1. Februar 2009 im Alten Rathaus mit rund 100 Teilnehmern. Das Wasser tauchte dort in mehreren Arbeitsgruppen auf. In unseren Zusammenfassungen von damals steht der Satz „Kleinen Kiel mit Förde verbinden“, eine andere Gruppe wünschte sich eine Wasserpassage vom Kleinen Kiel zum Bootshafen als „Zitat der Förde“. An einem der Diskussionstische hieß es, die Altstadt solle wieder als Insel begreifbar werden, mit dem Wasser des Kleinen Kiels als Begrenzung.

Wettbewerb, Bürgerentscheid und rund 600 Eingaben

Zwischen Planungswerkstatt und Fertigstellung lagen elf Jahre, und ein Teil davon gehörte der Auseinandersetzung um die Gestaltung. Das Büro bgmr gewann den Wettbewerb 2012 und arbeitete von 2013 bis 2020 an dem Projekt. Weil der Eingriff in den Stadtraum groß war, wurde in der Öffentlichkeit Widerspruch gegen den Entwurf laut. Daraus entstanden ein Bürgerentscheid und ein Beteiligungsverfahren, das das Hamburger Büro Luchterhandt über ein Jahr lang betreute.

Luchterhandt stellte ein Modell auf, organisierte Versammlungen und wertete die Ergebnisse aus, begleitet vom Ortsbeirat. Rund 600 Eingaben kamen zusammen. Die wichtigste Kritik betraf das Material: zu viel Beton, zu wenig Holz und Grün. Außerdem wünschten sich die Anwohnenden einen besseren Zugang zum Wasser und mehr Sitzgelegenheiten.

Im fertigen Zustand von 2020 findet sich beides. Bauwelt beschreibt gerundete Betonmöbel und einen quergestreiften Bodenbelag, Baunetz Wissen hölzerne Terrassen und Sitze aus Holz am Ostufer der Becken. Wie stark die Eingaben den Entwurf im Einzelnen verändert haben, geht aus den Quellen nicht hervor.

Was 2020 an der Holstenbrücke gebaut wurde

Die beiden Becken haben zwei sehr verschiedene Ufer: Im Westen bilden sie eine klare Kante zur Straße, im Osten ist die Gestaltung aufgelockert. Parallel zur Westseite verläuft eine schwellenlose Verkehrsfläche als Shared Space. Nur Linienbusse, Taxis, Radfahrer und Fußgänger dürfen sie nutzen, private Autos nicht. Platz und Fahrbahn sehen gleich aus, denn die Streifen des Pflasters laufen nahtlos weiter. Auf dem Asphalt bestehen sie aus epoxidharzgebundenem Feinsplitt in drei Grautönen.

Am Ostufer springt die Kante vor und zurück. Holzsitze wechseln mit Treppen, die bis auf das Wasserniveau hinunterführen, und Rampen erlauben einen rollstuhlgerechten Zugang. Im rechteckigen Becken ragen polygonale Inseln mit abgerundeten Ecken ins Wasser. Eine trägt ein Holzdeck zum Sitzen und Liegen, in den beiden anderen liegen Brunnen mit Wasserspielen. Über das längliche Becken führen zwei diagonal verlaufende Brücken, an denen das Berliner Büro Sauerzapfe Architekten beteiligt war.

Eine Stelle erzählt vom Untergrund. Vor dem Ahlmannhaus stießen die Bauleute auf Fundamentreste eines Gebäudes, das nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen worden war. Die Kellerwände sind für die heutige Bebauung statisch wichtig und mussten bleiben. Das Becken ließ sich dort nicht bis zur geplanten Kante ausheben, deshalb springt die Wasserkante nach innen, und Sitzstufen reichen ins Wasser. Ein zwei Meter breiter, mit Schilf bepflanzter Bodenfilter reinigt das Wasser. Neu gepflanzt wurden Sumpfeichen.

Ein Inlay in der Holstenstraße

Für die Innenstadt ist das Holstenfleet vor allem ein Stück Weg am Wasser. Baunetz Wissen spricht von einer fast durchgehenden Spazierroute von der Förde zum Bootshafen, über das Holstenfleet bis zum Kleinen Kiel. Die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte sieht in der Öffnung des Wasserlaufs, der die Holstenstraße quert, den Versuch, das Ambiente der Innenstadt „wohnlicher“ zu machen.

Das Fleet liegt an der Holstenbrücke, die nach Bauwelt bis heute die Schwelle von Altstadt und Vorstadt markiert. Im Wettbewerb zur Neugestaltung der Fußgängerzone, dessen Ergebnis Bauwelt 2021 vorstellte, behandelte der Siegerentwurf von Lohaus Carl Köhlmos das Ende 2020 fertiggestellte Holstenfleet als „Inlay“. Für die Straße selbst entwickelten die Preisträger eine davon unabhängige Gestaltung. Bauwelt zählt das Fleet zu den bereits umgesetzten Neugestaltungen, an denen sich der Aufschwung der Kieler Innenstadt ablesen lasse.

Quellen