Das Makabere an der Situation - wie viele fanden - war, dass die CDU die Öffentlichkeit zur Debatte in das Kieler Schloss lud, dem Gebäude, das in der Vision zum Altstadtquartier von ECE keinen Platz findet. Sprich - Abriss für das erdachte Hotel mit angegliedertem Kongresszentrum.

Dies war nur eines Themen, die heiß, aber teilweise auch nur sehr einseitig beleuchtet wurden. Auf dem Podium waren anwesend: Herr Stritzl von der CDU in der Funktion des Moderators, Bürgermeister Todeskino von den Grünen, Herr Treiber vom Einzelhandelsverband Nordost, Herr Ley (Objektentwicklung) und Herr Riethmüller (Architekt) von ECE, der Architekt Manfred Nagel und Björn Ipsen von der IHK Kiel, u.a. zuständig für den Bereich Handel.
Zunächst wurde die Firma ECE den Anwesenden von Herrn Ley vorgestellt - Maximen, Pläne, Shoppingcenter, Image. Dann folgte die Vorstellung des Projekts ‘Altstadtquartier’ durch Herrn Riethmüller. Optisch aufwendig power-pointiert:
“Gemeinsam stark…für Kiel!”
Dieser Slogan kam leider bei der Diskussion nicht zum Tragen, wortführend war der Bürgermeister Todeskino, der mehrfach sagte, dass die Rathausgalerie noch keine beschlossene Sache sei, aber am Ende nochmal darauf hinwies, dass der Entwurf zur Rathausgalerie bereits seit 2 Jahren bestünde und der B-Plan schon weitestgehend ausgearbeitet sei. Grundlegend für seine Argumentation war das CIMA-Gutachten, welches von der Stadt Kiel in Auftrag gegeben wurde und die Perspektiven für den Einzelhandel in der Innenstadt aufzeigen soll. Todeskino betonte, dass eine Entwicklung in der Mitte der Stadt vonnöten und die Rathausgalerie der wichtigste Baustein sei, damit eine positive Stadtentwicklung möglich ist.
Gleichzeitig schließt er die Vision von ECE nicht als unrealisierbar aus, sondern sieht eine Möglichkeit der Umsetzung neben der Rathausgalerie, solange die ‘Vision’ eine Marke mit überregionaler Bedeutung schafft. Sein Fazit also, es herrscht immenser Handlungsbedarf in der Innenstadt, so dass mit dem einen oder dem anderen Projekt ein positiver Trend gesetzt werden soll.
Positiv wurde das ‘Werkstattverfahren” aufgenommen, das eine breite Bürgerbeteiligung, Expertenbefragungen und öffentliche Expertenabende vorsieht, in dem die Pläne der Stadt von verschiedenen Arbeitsgruppen erläutert und diskutiert werden sollen. Doch letztendlich liegt die Entscheidung nicht bei den Bürgern, sondern beim Rat.
Kritische Ansätze von Podium und Publikum
Die kritischen Ansätze vom Podium wurden von Herrn Treiber und Herrn Ipsen vertreten, die beide auf das Mehr an Kaufflächen und die schwindende Kaufkraft sowie die Verdrängung des Einzelhandels hinwiesen. Würde man beide Einkaufszentren - die Rathausgalerie und die ‘Mall’ von ECE - umsetzen, würde neue Verkaufsfläche von rund 50.000qm entstehen, was einen Anstieg der Gesamtverkaufsfläche der Innenstadt (derzeit ca. 130.000qm) von ca. 40 % bedeuten würde. Dies wäre in keinem Fall tragbar. Zumal schon eines der Zentren erheblichen Einfluss auf die periphären Einkaufsstraßen, wie beispielweise die Holtenauer, hätte. Deshalb müsste, so Treiber, unbedingt eine umfassende Verträglichkeitsanalyse des ECE-Projekts stattfinden. Zum Projekt der Rathausgalerie wies Treiber auf die mögliche Abtrennung der Altstadt hin und schlug eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Stadtmitte statt einem neuen Einkaufszentrum vor, was positiv vom Publikum aufgenommen wurde.
In Bezug auf die geplante ‘Mall’ von ECE äußerte sich Ipsen, dass diese eventuell nicht verträglich für Kiel wäre und nur eine Chance hätte, wenn eine Reduzierung der Verkaufsfläche vorgenommen und ein ausgewogener Branchenmix geplant würden. Diesen Prozess würde die IHK gerne konstruktiv begleiten und damit das Projekt, welches die Kieler Innenstadt für die nächsten 30 bis 40 Jahre prägen würde, auf den Weg bringen.
Aus dem Publikum wurden die Wünsche geäußert, dass das ECE-Projekt sensibler mit dem Kieler Schloss umgehe, und Kritik, dass der Verlust des Kieler Schlosses überhaupt zur Debatte stehe, zumal es zum Teil denkmalgeschützt sei und noch kein Kontakt mit den Zuständigen stattgefunden hat. Andere Stichworte zum Projekt waren: ‘ECE- Friss oder Stirb’, Zerstörung der Altstadt, unzumutbare Verlängerung der Innenstadt, Hochhausfetischismus, unsensibler Umgang mit der Nikolaikirche, …
Nichts Neues aus Hamburg
Von ECE kamen keine neuen Impulse - das Projekt wurde einer Werbeveranstaltung gleich angepriesen. Die kritischen Fragen aus dem Publikum wurden eher kurz oder mit einer allgemeinen Formulierung im Sinne: ‘Das werden wir natürlich berücksichtigen.’ und ‘Man muß in einem größeren Rahmen denken, um die Problemsituation zu lösen.’ beantwortet. Ansonsten waren die Vertreter von ECE eher unauffällig.
Die starke Kritik zum Wegfall des Kieler Schlosses wurde mit der leeren Phrase, dass unter dem Verlust auch viel Positives dazuzugewinnen und Kiel in eine neue Zeit zu überführen sei, beantwortet. Auf die Frage, was die ‘Vision’ für identifikationsstiftende Möglichkeiten für Kiel, hätte, wurde ähnlich ungenau geantwortet.
Etwas konkreter äußerten sich die Vertreter von ECE zu Folgendem: Der Rahmenplan des Projekts würde die Erstellung eines B-Planes im Zeitraum von einem Jahr vorsehen, die Bauzeit des gesamten Projekts würde ca. 2 Jahre dauern und der Baubeginn könnte für 2010 angesetzt werden. Für die einzelnen Bausteine der ‘Vision’, also ‘Mall’, Kongresszentrum, Hotel und Philharmonie würden Architektenwettbewerbe ausgeschrieben werden. Die Eggerstedtstraße würde aufgrund ihrer vernachlässigten Situation keine sinnvolle Funktion erfüllen und könnte deswegen vollständig überbaut werden. Aber es sollen neuen Wegebeziehungen hergestellt werden, die mit der geplanten ‘Durchlässigkeit’ des Komplexes einhergehen. Als Vermittlung zwischen den Bausteinen des Projekts würden die Plätze fungieren, die in die Wegenutzung miteinbezogen würden und kein Alleinstellungscharakter erhielten. Der erste Baustein, die ‘Mall’ als Kopfgebäude, richte sich zum Alten Markt und ist dreigeschossig geplant, das dahinterliegende flachere Gebäude würde gastronomische Nutzung erfahren, dahinter liegen direkt das Kongresszentrum und das Hotel, welches als Mittler zwischen Ostseehafen und Innenstadt dienen und besser mit dem Ostseekai vernetzt werden soll, diesen also näher an die Altstadt und diese somit näher ans Wasser bringt. Für das Leuchtturm-Projekt, den vierten Baustein - die Fördephilharmonie - seien schon Gespräche mit dem Kulturbereich gelaufen und man hätte eine positive Resonanz erhalten.
Der Kieler Architekt Manfred Nagel, der an der Vision zum Altstadtquartier mitgearbeitet hat, war extra geladen, um den architektonischen Diskurs neben dem ECE-Architekten Riethmüller zu vertreten. Leider wurde er selten zu Wort gebeten und merkte nur an, dass es sich beim gezeigten Entwurf ja erst um eine “Vision”, eine Sichtbarmachung handele, um deutlich zu machen, was möglich sei. Andere Stichworte waren “Verdichtung”, “Entleerung” und “neues Stadtgefüge”.
Noch nichts Neues in Kiel
Interessant war auch, dass mehr oder weniger über die Entwicklung der gesamten Innenstadt diskutiert (Themen: Hotel- und Gesundheitszentrum am Bahnhof, Alter Markt, Holtenauer Straße, Neubau des Schwedenkais, Dänische Straße, Holstenstraße, Wohnbau auf dem Parkplatz bei der Alten Feuerwache), aber der Karstadt-LEIK-Komplex nur durch einen kritischen Kommentar aus dem Publikum leicht angerissen wurde. Es ging also weniger um Nutzung der bestehenden Ressourcen, sondern eher um den Bau von etwas Neuem, das Touristen anlockt, die sonst “mit dem Bus nach Lübeck gefahren würden”, die gelte es, “abzufangen”.
Das Fazit wurde von Herrn Stritzl gezogen: Schön, dass diskutiert wird. Und es muss etwas getan werden, denn wenn nichts passiert - also keines der Konzepte umgesetzt wird und alles so bleibt wie es ist - ist viel passiert!
Bis Ende des Jahres soll nun eine Priorisierung für eines der Projekte stattfinden - wir sind auf die Lösung dieses “Luxusproblems der Stadt Kiel” gespannt!
Zumal die Umsetzung von nur einem der Projekte als realistisch anzusehen ist, da - wie treffend bemerkt wurde - neben der zu geringen Kaufkraft auch viel zu wenig Mieter für alle Projekte zur Verfügung stünden…